Patrick Lam: Ein Grazer springt für Hongkong
Springreiten – Er wurde in Graz geboren, wuchs in der österreichischen Reitsportszene auf und lebt bis heute mit seiner Familie in der Steiermark. Bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen trägt der sympathische Patrick Lam dennoch die Farben Hongkongs. Seine ungewöhnliche Karriere begann mit einem Zeitungsartikel über Hugo Simon, einem nicht verfügbaren Volunteer-Platz und einem kleinen Braunen, den Lam zunächst gar nicht haben wollte.
Wir durften bei der Weltmeisterschaft in Aachen mit Patrick Lam einen zutiefst sympathischen und bodenständigen Grazer Springreiter kennenlernen. Im EQWO.net-Interview haben wir über die außergewöhnliche Karriere des heute 43-jährigen, zwei ganz besondere Pferde und die Frage ob Österreich oder Hongkong gesprochen.

Hugo Simon weckte den Traum vom Springreiten
Patrick Lam ist der Sohn einer Grazerin und eines Hongkong-Chinesen. In seiner Familie hatte ursprünglich niemand etwas mit Pferden zu tun. Erst im Alter von 14 Jahren stieg er in Österreich erstmals in den Sattel. Die Begeisterung für den internationalen Springsport weckte ausgerechnet eine Zeitungsseite mit Berichten über Österreichs Reitsportlegende Hugo Simon.
„Wir haben die Zeitungen aufgeschlagen, und da strahlte Hugo Simon von jedem Titelblatt. Von da an, wollte ich das auch!“, erzählt Patrick Lam im EQWO.net-Gespräch. Sein sportlicher Werdegang begann österreichisch geprägt: Er feierte nationale Erfolge, bestritt Etappen des Casino Grand Prix und trainierte unter anderem bei dem ehemaligen Olympiateilnehmer Anton Martin Bauer (W). Ein Jahr verbrachte er zudem bei Gerfried Puck (T) in den Niederlanden. Doch das Bereiter-Dasein, mit bis zu 15 Pferden täglich, erfüllte den Steirer schnell nicht mehr. So ging er nach Österreich zurück und begann zu studieren.
Vom verhinderten Volunteer zum Olympia-Kandidaten
Der Wendepunkt kam 2006. Patricks Vater wollte seinen Sohn als Volunteer für die Olympischen Spiele 2008 in Hongkong anmelden, diesen Vorschlag wollte Lam gerne annehmen! Doch es waren keine Plätze mehr verfügbar. Bekannte seines Vaters brachten daraufhin eine andere Idee ins Spiel: „Du bist halber Chinese, versuch doch, dich zu qualifizieren.“
Patrick Lam wollte davon zunächst nichts wissen. Rund eineinhalb Jahre lang kam es deshalb immer wieder zu Spannungen mit seinem Vater, der ihn dazu drängte, vermehrt international zu starten. Erst im Herbst 2007 ließ sich Lam überreden, bei Dietmar Gugler einige Pferde auszuprobieren – als Gefallen für seinen Vater:
„Ich hatte eigentlich gehofft, dass die Sache damit für mich erledigt ist.“
Drei Pferde testete er, darunter einen kleinen braunen Hengst, der sich, wie Lam offen zugibt, „alles andere als gut“ angefühlt habe. Gugler zeigte sich begeistert vom Talent des damals 24-jährigen Steirers. Als Patrick anschließend wieder ins Flugzeug stieg, war die Sache für ihn jedoch erledigt. Zumindest glaubte er das.
Ein überraschender Anruf und 350.000 Euro
Wenige Tage später, kurz vor Neujahr, erhielt Lam einen Anruf, der seine Karriere verändern sollte: Sein Vater hatte gemeinsam mit mehreren Bekannten genau diesen kleinen Braunen gekauft – für die damals enorme Summe von 350.000 Euro. Urban!
„Ich bin aus allen Wolken gefallen“, erinnert sich Lam.
Dietmar Gugler war überzeugt, dass Urban das beste der drei ausprobierten Pferde sei. Lam fuhr fortan regelmäßig zu ihm, um mit seinem neuen Pferd zu trainieren. Bereits beim ersten gemeinsamen Turnier sprach ihn der legendäre Schweizer Springreiter Pius Schwizer auf das Pferd an: „Ach ist das nicht Urban? Tolles Pferd, schade, dass der nicht mehr als 1,40 Meter drin hat.“
Für Lam war die Begegnung gleich in zweifacher Hinsicht überwältigend: Einerseits sprach einer der großen Namen des internationalen Springsports mit ihm, andererseits traute ausgerechnet Schwizer seinem neuen Pferd keine größeren Aufgaben zu.
Doch Patricks Vater vertraute weiterhin auf Guglers Einschätzung – und sollte recht behalten. Urban entwickelte sich rasant. Aus einem Reiter, der bis dahin auf Zwei-Sterne-Niveau unterwegs gewesen war, wurde innerhalb kurzer Zeit ein Olympiateilnehmer.
Urban löste in Hongkong einen Hype aus
In Hongkong blieb Patrick Lam als „Nobody“ wie er selbst sagt, dann sensationell Null und qualifizierte sich als eine der Top-25 besten Reiter:innen der Welt für das Einzelfinale. Aufgrund einer Kolik seines Pferde, konnte er dieses zwar nicht reiten, für den Hype war aber bereits gesorgt!
Kurz darauf nahm ihn der Hong Kong Jockey Club unter Vertrag. Eine Non-Profit-Organisation, die in Hongkong als größter Steuerzahler agiert. Als Sponsor begleitet und unterstützt dieser Patrick Lam bis heute – beinahe seit 20 Jahren.
Mittlerweile ist der gebürtige Grazer längst nicht mehr Hongkongs einziger international erfolgreicher Pferdesportler. Besonders in der Para-Dressur sind inzwischen weitere Athlet:innen für den Verband aktiv, aktuell rund 20.
Mit Lopez One zur Weltmeisterschaft
Lams aktuelles Spitzenpferd ist Lopez One. Der heute zwölfjähriger Westfale von Lord Pizzaro x Calypso ist kein einfaches Pferd: „Lopez haben gute Freunde vierjährig über Axel Wöckener, hier in der Nähe, gekauft. Ich war anfangs nicht überzeugt, habe aber ihrem guten Gespür vertraut. Beim ersten Ausprobieren war mein erster Eindruck: Der springt sicher über 1,50 m! Er ist aber ein ganz kompliziertes Pferd, extrem guckig und wie die Abstammung verspricht mit viel Feuer. Es war nicht immer ganz einfach mit ihm. Dann hat es klick gemacht.„
Nachdem das Paar die erforderlichen FEI-Mindestkriterien, die sogenannten MERs, erfüllt hatte, konnte Lam seinen Wallach gezielt schonen und optimal auf die Weltmeisterschaft vorbereiten: „Ich bin echt stolz auf mich selbst, dass ich ihn so perfekt auf die WM vorbereiten konnte und ihn so topfit habe. Auch wenn leider keine so richtige Nullrunde dabei war.“
Sowohl im Zeitspringen, als auch in der ersten Runde des Nationenpreis fiel jeweils eine Stange. Dafür können sich Lam und Lopez One auf das nächste Highlight vorbereiten: Die Asian Games in Tokio!
„Ich finde das so abnormal cool hier, die WM war für mich ein Kindsheitstraum!“, sagt Lam über seinen WM-Start. Auch die Unterstützung durch den Hong Kong Jockey Club bezeichnet er als große Ehre: „Mir schreiben Kinder und Jugendliche aus Hongkong, obwohl ich hier keine besondere Leistung erbracht habe. Wie ich damals bei Hugo Simon, werden vielleicht auch sie eines Tages zu reiten beginnen. Dieser Rolle muss man sich bewusst sein.“




In der Steiermark zu Hause, für Hongkong im Parcours
Patrick Lams Lebensmittelpunkt liegt weiterhin in Graz. Der Steirer lebt mit seiner Lebensgefährtin und seinen beiden Kindern im Alter von fünf und eineinhalb Jahren in der Nähe seiner Heimatstadt. Seine Pferde leben über den Kontinent verstreut:
„Ich bin ziemlich verteilt. Zuhause habe ich eine kleine Landwirtschaft, wo ich auch ein bisschen züchte und die Pensionisten ihr Leben genießen können. Ein Teil meiner Springpferde ist in Graz beheimatet, im Stall eines Bekannten. Der Rest ist bei Dietmar Gugler am Chiemsee eingestellt.“
Aber dem nicht genug! Neben dem Springsport ist Lam auch in der Vielseitigkeit bis auf Drei-Sterne-Niveau aktiv. Seine Buschpferde stehen in England, wohin er ein bis zweimal im Monat hinfliegt.
Nur bei der Wahl seines Sportverbandes ist Lam konsequent: Ein Nationenwechsel zurück zu Österreich kommt für ihn nach eigener Aussage nicht infrage:
„Die Wahrscheinlichkeit, dass ich wechsle geht eher gegen Null als gegen 100!“, gab er schmunzelnd zu.
Als Hongkonger Sportler werde er perfekt gemanagt und umfassend unterstützt. Zudem könne er seine Saison weitgehend frei planen. Argumente, die für Lam schwer wiegen – auch wenn seine Entscheidung aus österreichischer Sicht durchaus schmerzt.
Mit den österreichischen Teamreiter:innen ist er nach wie vor freundschaftlich verbunden. Bianca Babanitz, Katharina Rhomberg oder Christoph Obernauer kennt er seit seiner Jugend. Sie alle sind schließlich in derselben Reitsportszene und auf denselben Turnierplätzen groß geworden.
So bleibt Patrick Lam, was er immer war: ein Grazer und Steirer, der Österreich als seine Heimat bezeichnet – bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen aber die Farben Hongkongs vertritt. Eine außergewöhnliche Karriere, die mit einem nicht verfügbaren Volunteer-Platz begann und durch einen kleinen Hengst, den Lam zunächst gar nicht haben wollte, bis auf die größte Bühne des internationalen Springsports führte.
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