Turniersport bei Hitze: Wo liegt die Grenze und wer zieht sie?
Pferdesport – Die Hitzewelle der vergangenen Woche hatte Österreich fest im Griff: Vielerorts gab es Temperaturen nahe der 40 Grad. Die Wiener Fiaker standen – wie bei jeder Hitzeperiode – prompt wieder im Zentrum eines Shitstorms, die 35-Grad-Regel wurde einmal mehr heftig diskutiert. Und der Turniersport? Der fand statt. In Stadl-Paura, in Ebreichsdorf und anderswo wurde genannt, abgeritten und geritten – wenn auch mit Anpassungen. Eine Weisung, eine Empfehlung oder auch nur eine Information des Österreichischen Pferdesportverbandes (OEPS) gab es nicht.
Genau das wirft Fragen auf, die wir an dieser Stelle offen formulieren wollen:
- Warum gab es seitens des Verbandes keinerlei Information oder Empfehlung zum Umgang mit den extremen Temperaturen, während in Deutschland Turniere hitzebedingt abgesagt wurden?
- Unter welchen Bedingungen sollen Turniere bei derartigen Wetterlagen durchgeführt werden?
- Welche Verantwortung übernehmen wir gegenüber unseren Sportpartnern, den Pferden?
- Welche Verantwortung übernimmt der Verband im Schadensfall?
Aus unserer Sicht ist dieses Schweigen kritisch. Unser Pferdesport, der ohnehin von vielen Seiten angeprangert wird, kann es sich nicht leisten, erst dann zu reagieren, wenn sich Peta und selbsternannte Tierschützer wieder stark machen und die Social-Media-Kanäle überschwemmen. Proaktives Handeln wäre gefragt. Sollen Turniere bei großer Hitze also noch geritten werden – und wenn ja, wo liegt die Grenze? Wir haben uns dazu schlau gemacht und dabei auch den Input der deutschen Initiative R-haltenswert einbezogen, die soeben ein Positionspapier zum Thema „Turnierstarts bei Hitze“ veröffentlicht hat.
Ein Problem, das keine Ausnahme mehr ist
Der (europäische) Turniersport steht vor einer Entwicklung, die sich nicht länger als Ausnahmezustand abtun lässt: Hitzeperioden nehmen zu, Wetterlagen werden schwerer planbar, und Veranstaltungen finden immer häufiger unter Bedingungen statt, die Pferde, Reiter:innen, Offizielle, Helfer:innen und Veranstalter erheblich belasten.
Ohne Reglement – weder in Österreich noch in Deutschland gibt es derzeit eines – bleibt jede Entscheidung Privatsache. Die Folge am vergangenen Wochenende: Die einen sagten ihre Turniere ab, die anderen zogen durch. Wer startete, erntete Hass-Kommentare. Wer zu Hause blieb, wurde als „Wendy“ abgestempelt. Und die PETA jubelt, denn die Pferdesport-Community zerlegt sich ganz von selbst.
Dabei ist die Sache differenzierter, als es Social Media zulässt: Pferde reagieren – wie Menschen – höchst unterschiedlich auf Hitze. Konstitution, Trainingszustand und Anforderung sind entscheidend. Wie hoch ist die Luftfeuchtigkeit? Wie lang der Transportweg? Gibt es am Turnierplatz Schatten? All das können und sollten Reiter:innen im Idealfall selbstständig abwägen. Aber wer garantiert, dass jede und jeder wirklich aufs Pferd hört – und nicht der kurzfristige Ehrgeiz die Oberhand gewinnt?
Was R-haltenswert fordert
Die aktuelle Entwicklung verlangt nach einem Fahrplan, um Turniersport und extreme Wetterlagen künftig zu vereinen. R-haltenswert spricht sich dafür aus, Turnierstarts bei Hitze „verbindlicher, transparenter und systemischer zu regeln. Nicht mit pauschalen Vorwürfen. Nicht mit nachträglicher Empörung. Sondern mit klaren Kriterien, geregelten Entscheidungswegen, wirtschaftlicher Absicherung und gemeinsamer Verantwortung.“
Das Positionspapier umfasst zehn Punkte – hier zusammengefasst:
1. Hitze muss fachlich bewertet werden
Hitze kann für Pferde eine erhebliche körperliche Belastung darstellen – insbesondere, wenn hohe Temperaturen, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung, lange Wartezeiten und sportliche Anstrengung zusammenkommen. Ob ein Start vertretbar ist, hängt nicht allein von der Temperatur oder formalen Regeln ab, sondern von den konkreten Bedingungen vor Ort und dem individuellen Pferd. Die entscheidende Frage lautet: Ist der Start unter diesen Umständen verantwortbar?
2. Nationale Verbände müssen verbindliche Hitzeschutz-Kriterien schaffen
Die Verbände sollten verbindlich festlegen, wann Turniere aufgrund von Hitze angepasst, unterbrochen, verschoben oder abgesagt werden müssen. Statt allein auf die Lufttemperatur zu schauen, braucht es ein praxistaugliches Bewertungssystem, das mehrere Belastungsfaktoren berücksichtigt – etwa Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung, Bodenverhältnisse, Wartezeiten und Abkühlungsmöglichkeiten. Anerkannte Belastungsindizes wie der Heat-Index oder die Wet-Bulb-Globe-Temperature können dafür als Grundlage dienen.
3. Hitzeschutz braucht operative Mindeststandards
Ein wirksames Hitzeschutz-Konzept darf sich nicht auf allgemeine Empfehlungen beschränken – es muss für alle Beteiligten praktisch anwendbar sein. Aus Sicht von R-haltenswert gehören dazu insbesondere:
- verpflichtende Schatten-, Wasser- und Kühlkonzepte für Pferde
- angepasste Startzeiten, vor allem Verlegungen in die frühen Morgen- oder späten Abendstunden
- verbindliche Mittagspausen bei kritischer Hitzebelastung
- strukturierte, gegebenenfalls begrenzte Abreitezeiten
- pferdeschonende Siegerehrungen
- Empfehlungen für Transport, Anreise- und Wartezeiten, Stallzelte, Belüftung und Unterbringung
- ein Schutzkonzept für Helfer:innen, Ehrenamtliche, Richter:innen, Offizielle, Parcours- und Sanitätsdienste
- ein Kommunikationsleitfaden, damit Anpassungen, Verschiebungen oder Absagen frühzeitig, transparent und einheitlich kommuniziert werden
Denn Pferdewohl endet nicht im Prüfungsviereck und nicht am letzten Sprung. Es betrifft die gesamte Veranstaltung: Anreise, Unterbringung, Vorbereitung, Start, Wartezeiten, Abkühlung und Heimreise.
4. Entscheidungswege müssen vorab klar geregelt sein
Klare Zuständigkeiten müssen bereits vor Turnierbeginn feststehen. Tierärzt:innen, Richter:innen und Offizielle brauchen verbindliche Kriterien und Rückendeckung, um Prüfungen aus Gründen des Pferdewohls verschieben, unterbrechen oder absagen zu können. Das schützt die Pferde – und verteilt die Verantwortung transparent.
5. Reiter:innen brauchen Planungssicherheit
Wer bei Hitze zwischen sportlichen, finanziellen und tierschutzrelevanten Interessen abwägen muss, braucht klare Regeln. Ein Startverzicht oder Abbruch sollte als verantwortungsvolle Entscheidung im Sinne des Pferdewohls anerkannt werden – und nicht als Schwäche gelten.
6. Veranstalter dürfen mit der Verantwortung nicht allein bleiben
Veranstalter sollten die wirtschaftlichen Folgen hitzebedingter Absagen nicht allein tragen müssen. R-haltenswert fordert rechtssichere Hitzeschutz-Klauseln mit transparenten Regelungen zur Erstattung oder Einbehaltung von Nenngeldern. So entstehen faire Bedingungen – und Entscheidungen im Sinne des Pferdewohls werden nicht finanziell bestraft.
7. Ein Hitzeschutz-Fonds sollte geprüft werden
Ergänzend regt die Initiative einen nationalen Hitzeschutz-Fonds an, um Veranstalter bei hitzebedingten Absagen oder Anpassungen finanziell zu unterstützen. Ziel ist es, existenzielle Verluste abzufedern und deutlich zu machen: Pferdewohl ist eine gemeinsame Verantwortung des gesamten Systems.
8. Die Entwicklung sollte über drei Jahre ausgewertet werden
Bevor tiefgreifende Änderungen am Turnierkalender beschlossen werden, schlägt R-haltenswert eine dreijährige Erhebungsphase vor. Erfasst werden sollte unter anderem: Wie viele Turniere sind von kritischer Hitze betroffen? Welche Regionen, Monate und Wochenenden trifft es besonders? Wie oft mussten Prüfungen verschoben, unterbrochen oder abgesagt werden? Welche Disziplinen sind besonders sensibel, welche Maßnahmen haben funktioniert – und welche wirtschaftlichen Schäden sind entstanden? Diese Daten sollen transparent kommuniziert werden, damit der Turniersport auf Basis von Fakten entscheiden kann.
9. Der Turnierkalender muss langfristig überprüft werden
Finden Turniere in den Sommermonaten regelmäßig unter kritischen Hitzebedingungen statt, muss der Kalender an die veränderten klimatischen Bedingungen angepasst werden – etwa durch geänderte Startzeiten, weniger Prüfungen, regionale Anpassungen oder den Verzicht auf bestimmte Formate.
10. Differenzierung statt Empörung
R-haltenswert spricht sich ausdrücklich gegen die pauschale Verurteilung einzelner Starts aus. Nicht jeder Start bei Wärme ist unverantwortlich, nicht jedes Foto und nicht jede Außentemperatur erzählt die ganze Geschichte. Gleichzeitig darf Hitze nicht verharmlost werden. Die öffentliche Diskussion darf nicht bei der Empörung stehen bleiben. Sie muss in fachliche Kriterien, klare Zuständigkeiten und praktische Lösungen übersetzt werden.
Spannend ist aus unserer Sicht:
Das Positionspapier von R-haltenswert zeigt, dass es längst durchdachte Konzepte gibt, wie sich Turniersport und Hitzewellen verbinden lassen. Fehlt hier die Bereitschaft der Verbände, sie aufzugreifen? Der nächste Hitzesommer kommt bestimmt, die Frage ist nur, ob der österreichische Pferdesport ihm dann vorbereitet begegnet oder wieder jede:r für sich allein entscheidet. Der Ball liegt beim OEPS.
Weiterführende Links:
>> R-haltenswert
>> 9 Tipps zum Transport von Pferden bei großer Hitze
>> Kampf gegen die Hitze: FEI greift bei Olympischen Spielen zu Hilfsmitteln
Dieser Text wurde von EQUESTRIAN WORLDWIDE – EQWO.net verfasst und ist keine Pressemitteilung. Das Kopieren des Text- und Bildmaterials ist nicht gestattet.