Über die Dünnhäutigkeit im österreichischen Pferdesport
Pferdesport – Ein kritischer Rückblick auf die Nachwuchs-Europameisterschaften hat in den vergangenen Tagen für viel Bewegung gesorgt. Zu kritisch, hieß es. Man nehme den jungen Leuten die Motivation. Ob wir dafür bezahlt würden. Und ob das Ganze nicht in Wahrheit ein Angriff auf die neue OEPS-Führung sei. Ich habe mir diese Reaktionen in Ruhe angesehen, und je länger ich das tue, umso klarer wird mir: Nicht der Artikel ist das eigentliche Thema. Das eigentliche Thema ist, wie dünnhäutig wir geworden sind.
Ein Kommentar von Ruth M. Büchlmann
Ich sage das ohne Häme. Kritik an der Leistung bei einer Europameisterschaft ist in jedem anderen Sport das Normalste der Welt. Im Fußball wie im Skisport wird nach jedem Bewerb über Platzierungen, über Noten, über Erwartungen und Enttäuschungen geredet, und niemand käme auf die Idee, das als persönliche Kränkung zu verstehen. Bei uns funktioniert das anders. Bei uns wird die sachliche Einordnung einer Leistung sofort zur Frage der Loyalität. Wer genau hinschaut, gilt schnell als jemand, der dem Sport schaden will. Genau das ist das Problem.
Denn die Empfindlichkeit kommt ja nicht aus dem Nichts. Sie ist ein Symptom. Wer sich nicht kritisieren lassen will, hat oft das Gefühl, ohnehin schon auf dünnem Eis zu stehen. Und auf dünnem Eis stehen wir.
Kleine Starterfelder, große Titel
Man muss sich nur die Staatsmeisterschaften ansehen. In manchen Nachwuchsklassen bringen wir nicht einmal fünf Starter zusammen. Natürlich wird dann jemand Staatsmeister. Aber mit welchen Noten? Und vor allem: gegen wen? Ein Titel, der ohne echtes Starterfeld vergeben wird, sagt über das Niveau wenig aus. Er sagt vor allem etwas über die Breite aus, die wir nicht mehr haben. Wenn wir uns über einen kritischen EM-Rückblick aufregen, aber über halbleere Nennungslisten bei den eigenen Meisterschaften schweigen, dann stimmt etwas mit unserer Wahrnehmung nicht.
Eine Basis, die schmilzt
Das Problem ist vielschichtig, und es lässt sich weder auf eine einzige Ursache noch auf einzelne Personen reduzieren. Es ist keine Kritik an einer neuen Führung, sondern ein kritisches Hinterfragen der aktuellen Strukturen unseres Pferdesports. Uns fehlen Reitschulen, an denen Kinder überhaupt erst zum Sport finden. Uns fehlt der Nachwuchs, der aus dieser Basis nachwachsen müsste. Und uns fehlen die Menschen, die sich den Sport heute noch leisten können, denn Pferd, Ausbildung, Turniere und Transport sind für viele längst kein Freizeitvergnügen mehr, sondern eine finanzielle Belastung, die sich immer weniger Familien aufbürden.
Seilschaften, Begehrlichkeiten, Geld
Dazu kommt etwas, worüber wir nicht gern laut reden. Der Sport ist durchzogen von Seilschaften und Begehrlichkeiten. Trainer wollen ihre Schüler in den Championaten sehen, weil das ihre eigene Arbeit sichtbar macht. Verkäufer wollen ihre verkauften Pferde dort wissen, weil das den Wert und den nächsten Verkauf hebt. Eltern, die sponsern, haben Erwartungen, und wer Erwartungen hat, will Ergebnisse. Geld regiert auch im Pferdesport mit, und wo Geld mitregiert, wird der sportliche Maßstab schnell zur Nebensache. Nichts davon ist für sich genommen verwerflich. Problematisch wird es dort, wo diese Interessen die ehrliche Auswahl und die ehrliche Beurteilung überlagern.
Die beständige Welfare-Frage
Und über all dem liegt eine Diskussion, die uns nicht mehr loslässt, die Frage nach dem Wohl des Pferdes. Die Öffentlichkeit schaut heute genauer hin als je zuvor, zu Recht. Ein Sport, der intern nicht in der Lage ist, sich selbst kritisch zu betrachten, wird von außen umso härter beurteilt werden. Wer die eigene Kritikfähigkeit verlernt, überlässt die Deutungshoheit anderen.
Wenn der Pferdesport nicht mehr zieht
All das bleibt nicht im Nachwuchs. Es zieht sich nach oben, bis zu unseren Top-Turnieren, die zunehmend unter fehlenden Besuchern und fehlenden Sponsoren leiden. Salzburg ist das offensichtlichste Beispiel dafür, wie schwer es geworden ist, ein großes Turnier zu tragen. Wien hat mit seiner Location einen Vorteil und kann anders punkten, aber die grundsätzliche Frage bleibt bestehen: Ein Sport, dessen Basis schmilzt, dessen Nachwuchs dünn ist und der sich selbst keine ehrliche Standortbestimmung mehr zutraut, wird auf Dauer auch an der Spitze Publikum und Partner verlieren. Das eine hängt mit dem anderen zusammen.
Ehrlichkeit ist kein Motivationskiller
Deshalb halte ich es für falsch, kritische Berichterstattung als Angriff zu verstehen. Sie ist das Gegenteil. Wer über den Sport schreibt, weil er ihm gleichgültig ist, schreibt gefällig. Wer genau hinschaut, tut das, weil ihm der Sport eben nicht gleichgültig ist. Den jungen Leuten nimmt man die Motivation nicht, indem man Leistungen ehrlich einordnet. Man nimmt sie ihnen, indem man ihnen eine heile Welt vorspielt, die sie spätestens auf internationalem Parkett nicht mehr wiederfinden. Ehrlichkeit ist kein Motivationskiller. Sie ist die Voraussetzung dafür, überhaupt besser zu werden.
Und zur Frage, ob wir für dafür bezahlt würden: Nein. Wir berichten, weil wir diesen Sport ernst nehmen. Ernster, als es manche gerade aushalten.
Ich wünsche mir einen Pferdesport, der Kritik nicht als Bedrohung liest, sondern als das, was sie ist. Ein Angebot, ehrlich über den eigenen Zustand zu reden. Solange wir das nicht können, ist die Dünnhäutigkeit selbst das dringendste Problem, das wir haben.
Ruth M. Büchlmann
Weiterführende Links:
>> Team-Entsendung um jeden Preis? Das große EM-Fazit
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