Team-Entsendung um jeden Preis? Das große EM-Fazit
Dressur – Die Dressur-Nachwuchschampionate in Budapest-Pilisjászfalu und Olomouc 2026 sind Geschichte. Kurz gesagt: Das Fazit ist durchwachsen. Starken Einzelleistungen und Platzierungen stehen weniger gute Teamergebnisse und Ausfälle gegenüber.
Die neue Führung des Österreichischen Pferdesportverbandes OEPS schlug in Sachen Championats-Beschickung bewusst einen anderen Weg als bisher ein. Statt die Sichtungskriterien und Mindest-Ergebnisse zur Qualifikation heranzuziehen und nur ausgewählte Paare für ein möglichst gutes Ergebnis zu entsenden, lautete die Strategie: so viele Nachwuchsreiter:innen wie möglich den (kostenintensiven) Start bei einer Europameisterschaft zu ermöglichen.
Das hatte der designierte Bundesreferent Christian Steiner bereits bei seiner Beschickung im EQWO.net-Gespräch angekündigt: „Ich selbst konnte leider nie bei einem Championat mitreiten, aber ich habe es bei meinen Kindern gesehen: Es ist ein Riesenunterschied, ob man als Einzelreiter:in oder mit einem Team auf ein solches Event fährt – auch wenn klar ist, dass man beim ersten Mal nicht gleich gewinnt.“
Und so sollte es sich auch bewahrheiten. Denn die Entsendung um jeden Preis führte dazu, dass bei der U25-EM in Budapest-Pilisjászfalu (HUN) ein österreichisches Pferd wenig überraschend abgeläutet wurde (bereits bei der Generalprobe in Achleiten eliminiert) und ein weiteres nach nur einer Prüfung zurückgezogen wurde. Österreich landete auf den hinteren Teamrängen.
Macht sich dieses Modell bezahlt? Ist es nicht so, dass, wer Pferde entsendet, die den Anforderungen aktuell nicht gewachsen sind, in Kauf nimmt, dass Motivation schnell in Frustration umschlägt? Vor allem bei jungen Reiter:innen, die eine solche Erfahrung erst einmal verarbeiten müssen? Präsentiert sich Österreich als Reitsport-Land dann nicht unter Wert? Und was ist mit den Kosten der Entsendungen je nach Anreise?
Schwere Bedingungen für Young Rider & U25 in Budapest-Pilisjászfalu
Acht rot-weiß-rote Reiter-Pferd-Paare gingen bei der Young Rider & U25 Europameisterschaft in Ungarn an den Start und stellten sich den vor Ort ehrlicherweise sehr schweren Bedingungen. Denn der fast täglich starke Wind sorgte dafür, dass das Zelt über der Zuschauertribüne beinahe durchgehen laut knarrte und knackste. Für die Pferde dementsprechend furchteinflößend.
Das wurde insbesondere Fanny Jöbstl (ST) zum Verhängnis. Die aktuell stärkste U21-Reiterin des Landes konnte ihren Elastico bereits im ersten Bewerb nicht davon überzeugen, sich im Viereck vertrauensvoll zu konzentrieren und konnte die Aufgabe nicht beenden. Ein ähnliches Schicksal ereilte in der U25-Musikkür auch Anna Schwarzlmüller-Kröpfel (OÖ). Ihr Fürst Charmeur PS OLD war bereits zu Beginn der Aufgabe sehr angespannt und Chefrichter Raphaël Saleh klingelte (vielleicht etwas zu) schnell ab.
Auch wenn die beiden österreichischen Reiter:innen nicht die einzigen waren, die den Bedingungen zum sprichwörtlichen Opfer fielen, muss man natürlich festhalten, dass die Superstars des Sports keinerlei sichtbare Probleme hatten.
Paul Jöbstls durchwachsenes Comeback
Unter den österreichischen Teilnehmer:innen befanden sich auch zwei Überraschungs-Kandidat:innen: Paul Jöbstl (ST) ging trotz einer Turnierpause von knapp drei Monaten aufgrund einer Verletzung seiner Stute Die Baroness in Ungarn erstmals wieder an den Start. Nachwuchs-Trainingskoordinatorin Belinda Weinbauer hatte die Form des Paares vor der EM überprüft und die beiden gemeinsam mit dem designierten Bundesreferenten Christian Steiner für das Team aufgestellt.
Sportlich zunächst zurecht: Paul Jöbstl zeigte im Team-Bewerb mit 67,706 % und Rang 18 das beste rot-weiß-rote Ergebnis in der Intermediaire II. Für den Einzelbewerb musste er allerdings wieder zurückziehen, da sich die Stute nach der ersten Prüfung doch nicht mehr zu 100 % fit anfühlte. Schade! Auch wenn das Duo aufgrund fehlender weiterer Kandidat:innen keinem den Startplatz „weggenommen“ hatte.
Chefrichterin Elisabeth Max-Theurer klingelte ab
Im U25-Einzelbewerb war auch für die zweite überraschend Nominierte, Pia Stallmeister (W) mit Johann Strauss, die Reise zu Ende. Chefrichterin Elisabeth Max-Theurer eliminierte das Paar wegen Taktunreinheiten. Wir haben bei der ehemaligen Präsidentin des Österreichischen Pferdesportverbandes nachgefragt:
„Leider gab es keine Möglichkeit, die Prüfung fortzusetzen, da drei Richter, unter anderem Fünf-Sterne-Richter und Tierarzt Hans Christian Matthiesen sowie Fünf-Sterne-Richter und Paris-Präsident Raphaël Saleh, hier auch eine Taktunregelmäßigkeit über das E-Dressage-System angezeigt hatten. Sehr bitter für die junge Pia – man hätte ihr das ersparen können und müssen, da bereits beim letzten Turnier vor der EM Johann Strauss eliminiert wurde“, sagte die Chefrichterin im Interview mit EQWO.net.
Teamgeist? Budapest-Pilisjászfalu vs. Olomouc
Die Entsendung vollständiger Teams um jeden Preis soll vor allem eines: Motivation steigern und Zusammenhalt fördern. Das hat in Olomouc bei der Europameisterschaft der Children und Junioren funktioniert. Ja, das Children-Teamergebnis als Schlusslicht war keine Glanzstunde, aber immerhin haben die jüngsten Österreicher:innen bei dem Championat viel miterleben und sich hoffentlich abschauen können. Jedenfalls war der Kiss&Cry bei österreichischen Ritten stets übervoll, auch altersübergreifend feuerte man sich gegenseitig an.
In Budapest ließ das zu wünschen über. So blieb das U25-Team beispielsweise nicht geschlossen bis zum Kür-Start von Valentina Friedl (ST) am Finaltag, um sie mental zu unterstützen. Bei anderen Nationen ein absolutes No-Go.
Fehlende Disziplin? Gegenbeispiel Deutschland
Deutschland hat bei beiden Europameisterschaften jeweils beide Team-Goldmedaillen gewonnen. 4x Gold. Und das ist kein Zufall. Das deutsche Team von Children bis U25 hat eine eiserne Disziplin, das Reglement von der Qualifikation über die Entsendung und das erwartete Verhalten vor Ort wird ohne Zweifel eingehalten. Das setzt vorallem auch eine starke Führung durch die Verantwortlichen voraus, die in Österreich fehlt.
Denn der designierte Bundesreferent Christian Steiner war bei beiden Championaten nicht vor Ort. Es übernahm mit Andrea Jöbstl die Mutter der Teilnehmer:innen Fanny und Paul Jöbstl, und mit Belinda Weinbauer die Nachwuchs-Trainingskoordinatorin die Agenden als Equipe-Chefin.
Zwischen Teamgeist und Überforderung
Der neue Kurs des OEPS, möglichst vielen Nachwuchstalenten den Championatsstart zu ermöglichen, ist gut gemeint – und in Olomouc ist er großteils aufgegangen. In Budapest-Pilisjászfalu zeigte sich aber auch die Kehrseite: Wer Pferde entsendet, die den Anforderungen nicht gewachsen sind, riskiert Eliminierungen statt Erfahrungsgewinn. Was fehlte, war vor allem Führung vor Ort – der Vergleich mit dem eisern organisierten deutschen Team macht das deutlich. Die Idee ist richtig, doch ohne klare Strukturen und Präsenz der Verantwortlichen bleibt Teamgeist Zufall statt Prinzip.
EQWO.net-CommunityFrage:
Jetzt seid ihr gefragt! Welchen Eindruck habt ihr? Was ist die bessere Strategie? Sollen möglichst viele österreichische Reiter:innen (kostenpflichtig) entsandt werden oder sollen nur realistische Final-Kandidat:innen entsandt werden? Überwiegt Motivation oder Frustration? Schreibt uns eine Mail an media@eqwo.net, eine Nachricht auf Social Media oder kommentiere unter unseren Postings zu dem Thema!
Weiterführende Links:
>> Olomouc: EM-Platzierungen für Nele Cordt und Sabrina Brötzner
>> Top-15: Valentina Friedl beste Österreicherin bei Nachwuchs-EM
>> Dressurreferat nominiert 4 Teams für Nachwuchs-EM’s
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