Eine andere Welt
Springreiten – Die Europameisterschaft der jungen Springreiter:innen in Hagen a.T.W. ist Geschichte. Österreich reiste mit elf Reiter-Pferd-Paaren an – und sprang der Weltelite hinterher. Kein Finale, weder im Team noch im Einzel. Die Einzelleistungen zeigen Talent. Sie zeigen aber auch, dass Talent in diesem Sport längst nicht mehr die entscheidende Währung ist.
Der Lkw-Parkplatz verrät den Sport
Dass im Springsport viel Geld liegt, ist keine Neuigkeit. Auf der Anlage der Familie Haunhorst – nicht Kasselmann, wie man bei Hagen a.T.W. vermuten würde – wurde es einmal mehr zur Anschauung. Auf dem Lkw-Parkplatz stand ein Vermögen, in den Stallgassen wurde geklotzt und nicht gekleckert.
Die Namen im Startfeld erzählen den Rest: Beerbaum, Mansur, Kühner, Sprehe, Brocks, Bachl, Merschformann, Rüder. Die Kinder der besten Springreiter:innen der Welt reisen mit einem Management an, von dem Österreichs Nachwuchs nicht einmal zu träumen wagt. Das ist kein Vorwurf und keine Kritik. Es ist die Ausgangslage, gegen die unsere elf rot-weiß-rote Paare angetreten sind.
Children: Debüt mit zwölf
In der Altersklasse Children wagte sich Livia Schranz als einzige Österreicherin an eine Europameisterschaft – mit zwölf Jahren und bei ihrem ersten Championat. Sie ist die Tochter von Bundesreferentin und Equipe-Chefin Sabine Schranz und Nachwuchs-Referent Christian Schranz. Geritten wurden drei Parcours über 125 bzw. 130 Zentimeter: reell gebaut, mit Kombinationen und einigen technischen Hürden. Auf ihrer mutigen Lacrima von Kuekenmoor kam Livia in jeder Prüfung ins Ziel, wenn auch mit Abwürfen. Fürs Finale reichte es nicht, das war eine andere Welt. Dennoch Chapeau, sie ist die jüngste international startende Reiter:in des Landes.
Junioren: Momentaufnahmen statt Konstanz
Fünf junge Reiterinnen bildeten das österreichische Junioren-Team, von denen die meisten bereits Championatserfahrung sammeln durften. Julia Hantke (K) bestritt in Hagen ihre fünfte EM, die dritte mit ihrem Jumbo, und blieb in Runde zwei fehlerfrei. Jana Wurm (ST) erwischte mit Nathan der Weise einen schwachen Start, fand aber mit einer Nullrunde über 145 Zentimeter in Runde drei einen mehr als versöhnlichen Abschluss. Beste Österreicherin wurde Anna Plautz, die ihren Lino P stets unauffällig, aber sehr solide durch die Parcours pilotierte.
Damit ist das Muster beschrieben: Wenn die Tagesverfassung stimmt, die Pferde fit sind und die Nerven halten, können Österreichs Nachwuchstalente eine Runde lang mithalten. Über drei Tage können sie es nicht. Championate werden aber nicht in einer Runde entschieden, sondern in der Summe und genau dort fehlt es an Routine, an Pferdequalität in der Breite und an einem System, das beides über eine ganze Saison aufbaut.
Teil des österreichischen Junioren-Teams war auch Lisa Galatik. Die junge Salzburgerin ritt nach Unstimmigkeiten mit dem österreichischen Verband eine Zeit lang unter Schweizer Flagge, kehrte mit dem Führungswechsel im OEPS wieder zurück und bestritt ihre zweite EM, die erste als U18-Reiterin. Diese endete für die junge Salzburgerin auf Rang 69 (6,74/4/9), und damit als drittbeste der fünf österreichischen Juniorinnen.
Ein Österreicher, eine finnische Flagge
Der beste Reiter österreichischer Herkunft im Junioren-Feld wurde EM-Zehnter. Er heißt Hugo Kogelnig, ist der Sohn des Nationenpreis-Reiters Fritz Kogelnig jr. – und ritt unter finnischer Flagge, der Heimat seiner Mutter. Die Entscheidung ist seine allein, und sie ist legitim.
Interessant ist sie trotzdem. Finnland ist keine große Springsportnation, nicht einmal eine so große wie Österreich: Rot-Weiß-Rot stellt mit Max Kühner (Top 20) und Kathi Rhomberg (Top 80) zwei Reiter:innen in den Top 100 der Welt, Finnlands beste Springreiterin liegt auf Rang 461. Wenn ein Talent aus der stärkeren Nation lieber für die schwächere reitet, ist das weniger eine Frage der Loyalität als eine Frage des Angebots. Was bekommt ein junger Reiter dort, was er hier nicht bekommt? Diese Frage sollte man in Österreich nicht als Kränkung lesen, sondern als Rückmeldung.
Young Riders: der Fall Pfingstl
Österreichs auf dem Papier beste U21-Reiterin, Antonia Weixelbraun, konnte die Finalqualifikation des Vorjahres trotz eines genialen Auftakt in Runde eins leider nicht wiederholen. Bei Tobias Pfingstl hätte es klappen können. Der 20-jährige Sohn von Gerfried Puck ging mit der auf Fünf-Sterne-Niveau erfolgreichen Melody vD Smidshoeve seines Vaters an den Start – und war eigentlich nicht nominiert. Weil er sich nicht mit einem Pferd kontinuierlich über die Saison empfohlen habe, führte Sabine Schranz ihn nur als zweite Reserve; auch der U25-Meistertitel beim verpflichtenden Sichtungsturnier der Nachwuchs-Springreiter:innen änderte daran nichts. Erst die Verletzungen der Pferde von Lena Binder öffneten ihm die Tür. Pech für sie, Glück für ihn.
Am Ende war er der einzige österreichische Young Rider mit realistischer Finalchance, auch wenn zum Schluss nur Rang 52 zu Buche stand. „Die letzte Runde habe ich nicht perfekt geritten, da wäre mehr möglich gewesen“, räumte er selbst ein. Fairerweise: Die Parcours über 150 Zentimeter waren mit Wasser, mehreren Kombinationen und vielen technischen Fragen alles andere als ein Spaziergang.
Der Fall verdient eine Nachfrage und zwar keine personalisierte. Wer im Springsport Kontinuität mit einem Pferd zum Nominierungskriterium macht, träumt von einer idealen Pferdesport-Welt, wo Pferd und Reiter gemeinsam wachsen. Die Realität des Sports sieht anders aus. Mehr Pferde, mehr Routine, mehr Turniere schaffen mehr Können, mehr Erfolge, mehr Chancen auf große Medaillen. Und ja, die Qualifikation mit einem Pferd ermöglicht vielleicht eine faire Beurteilung anhand des Talents, Richtung Weltspitze streben sieht aber anders aus. Dass Pfingstl über eine Verletzung ins Team kam und dort zur besten Finalchance der Altersklasse wurde, ist kein Skandal. Aber es ist ein Argument.
Fazit
Jetzt könnten wir wieder das Fass „Entsendung um jeden Preis“ aufmachen. Das stieß bereits in den letzten Tagen rund um das Fazit der Dressur-Nachwuchs-EM auf viel Feedback aus der EQWO.net-Community. Beim Springen wird aber vor allem eines deutlich: Zwischen Österreich und der europäischen Spitze liegen Welten. Wenn bei uns international gefeiert wird, hängt das meist an einem Once-in-a-lifetime-Horse und an Familien, die den Sport selbst finanzieren. Und wenn wir dann ganz ehrlich zu uns selbst sind, müssen wir zugeben: Das ist keine Strategie. Das ist Glück.
Es stellt sich die Frage, ob es für die Zukunft entscheidend ist, dass Österreich möglichst viele Paare schickt? Oder ob es nicht doch entscheidend ist, was in den Monaten dazwischen passiert. Ob Talent und familiärer Support im heutigen Springsport reichen? Das gilt es nun für die österreichischen Talente zu beweisen. Wer weiß was noch möglich ist, durch viel Fleiß, Disziplin und den Willen. Felix Koller und Dominik Juffinger haben es vorgemacht: beide einst österreichische Nachwuchstalente, beide heute für die Weltmeisterschaft in Aachen qualifiziert. Genau das ist der Maßstab, nicht das Finale in Hagen, sondern der Weg dorthin.
Weiterführende Links:
>> Hagen: Österreichs Nachwuchs verpasst Finali
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