63 Millionen Euro und ein zerbrochenes Vertrauen: Der Fall Onassis gegen Tops
Springreiten – Es war eine der spektakulären Investitionen der jüngeren Springsport-Geschichte und sie ist zum Lehrstück geworden. Athina Onassis, Erbin einer der berühmtesten Reederdynastien der Welt und selbst jahrelang im internationalen Springsport aktiv, liegt mit Jan Tops im Streit, dem Gründer und Mann an der Front der Global Champions Tour. Es geht um viel Geld, um Transparenz und um die Frage, die sich jeder stellen muss, der im Pferdesport groß investieren will: Wem kann man vertrauen?
von Ruth M. Büchlmann
Der Einstieg: 63 Millionen Euro für ein Viertel der Tour
Rückblende ins Jahr 2022: Über ihre Beteiligungsgesellschaft Corvallis Navigation erwirbt Athina Onassis rund 25 Prozent an jenem Unternehmen von Jan Tops, das die Global Champions Tour und die Global Champions League organisiert. Für stolze 63 Millionen Euro. Medienberichten zufolge, unter anderem der schwedischen Reitsportzeitung Tidningen Ridsport unter Berufung auf das niederländische Portal Quotenet, sollen Tops und sein Umfeld im Vorfeld jährliche Gewinne im zweistelligen Millionenbereich in Aussicht gestellt haben.
Auf dem Papier eine naheliegende Verbindung: Hier die vermögende Investorin mit tiefer Verwurzelung im Springsport, dort der Mann, der aus einer Turnierserie eine globale Marke mit Etappen von Miami bis Shanghai gemacht hat. Was folgte, war jedoch keine Erfolgsgeschichte, sondern ein Zerwürfnis, das inzwischen die niederländischen Gerichte beschäftigt.
Vom Zerwürfnis zur Schieflage
Bereits 2023, nur ein Jahr nach dem Einstieg, soll es zwischen Onassis und Tops zu einem persönlichen Bruch gekommen sein. Onassis beendete daraufhin eine kommerzielle Kooperation mit Tops‘ Unternehmen im Wert von 2,5 Millionen Euro Umsatz. Parallel geriet das Unternehmen wirtschaftlich unter Druck: 2023 wurden Verluste geschrieben, die Gewinne blieben danach überschaubar und Tops soll Finanzierungslücken Jahr für Jahr aus eigener Tasche ausgeglichen haben.
Von den in Aussicht gestellten zweistelligen Millionengewinnen war die Realität damit weit entfernt. Für eine Minderheitsgesellschafterin, die 63 Millionen Euro investiert hatte, eine bittere Bilanz.
Der Ausstiegsversuch und die Eskalation
Im September 2024 unternahm Onassis den Versuch eines geordneten Rückzugs: Sie bot Tops an, ihre Anteile exakt zum ursprünglichen Kaufpreis von 63 Millionen Euro zurückzunehmen. Tops lehnte ab. Onassis suchte daraufhin selbst nach Käufern und erhob schwere Vorwürfe: Tops behindere den Verkauf und halte Informationen zurück, um den Wert ihrer Beteiligung künstlich zu drücken.
Der Streit landete schließlich vor der Ondernemingskamer, der spezialisierten niederländischen Kammer für Unternehmensstreitigkeiten. Onassis beantragte eine Zeugenvernehmung als möglichen ersten Schritt hin zu einer Sonderuntersuchung oder gar einem erzwungenen Rückkauf ihrer Anteile.
Die Niederlage vor Gericht
Das Gericht wies den Antrag jedoch ab. Die Begründung fiel deutlich aus: Onassis habe nicht ausreichend dargelegt, worüber Zeugen überhaupt befragt werden sollten und warum sie mehr Informationen benötige, als ihr als Minderheitsgesellschafterin ohnehin zustünden. Mehr noch: Die Kammer stellte fest, dass Tops den Verkauf keineswegs erschwert, sondern sogar selbst zwei potenzielle Käufer präsentiert habe. Onassis wurde zur Zahlung von knapp 10.000 Euro an Prozesskosten verurteilt.
Tops kommentierte die Entscheidung knapp als „richtig“. Onassis‘ Sprecher zeigte sich „nicht überrascht“, betonte jedoch, die Entscheidung löse das eigentliche Problem nicht. Man werde über weitere Schritte nachdenken.
Der Streit ist nicht vorbei
Beigelegt ist der Konflikt damit nicht. Laut einem späteren Bericht wirft Onassis Tops zusätzlich vor, jährlich bis zu 300.000 Euro an nicht ordnungsgemäß belegten Reisekosten verursacht zu haben. Sie beklagt außerdem eine generelle Intransparenz und ihren Ausschluss von strategischen Entscheidungen. Ein weiterer Gerichtstermin steht bereits fest, ein Mediator soll den kostspieligen Streit schlichten. Eine Einigung gibt es bislang nicht.
Investment in den Pferdesport: Worauf basiert das Vertrauen?
Über die juristischen Details hinaus wirft der Fall ein Schlaglicht auf ein strukturelles Problem des Pferdesports: Er ist eine Welt der Handschlaggeschäfte, der persönlichen Beziehungen und der informellen Netzwerke. Und zugleich ein Markt, in dem inzwischen Summen bewegt werden, die man sonst aus dem Profifußball oder der Formel 1 kennt.
„Der Pferdesport ist Welt der Handschlaggeschäfte, der persönlichen Beziehungen und der informellen Netzwerke. Und zugleich ein Markt, in dem inzwischen Summen bewegt werden, die man sonst aus dem Profifußball oder der Formel 1 kennt.“
Genau in dieser Spannung liegt die Gefahr. Wer im Pferdesport investiert – ob in eine Gesellschaft für Turnierserien, ein Spitzenpferd oder eine Anlage – investiert fast immer auch in eine Person. In deren Ruf, deren Netzwerk, deren Versprechen. Renditeprognosen entstehen dabei nicht selten im Gespräch statt im geprüften Businessplan. Und wenn die persönliche Beziehung zerbricht, zerbricht oft auch das Geschäft. Der Fall Onassis/Tops zeigt exemplarisch, wie schnell aus einer Partnerschaft zwischen zwei Größen des Sports ein erbitterter Rechtsstreit werden kann. Unabhängig davon, wer am Ende recht behält.
Was Investoren lernen können
Für alle, die über größere Engagements im Pferdesport nachdenken, lassen sich aus diesem Streit einige zeitlose Lehren ziehen:
Prognosen sind keine Zusagen. In Aussicht gestellte Gewinne – und seien sie noch so plausibel vorgetragen – gehören schriftlich fixiert, mit belastbaren Zahlen unterlegt und von unabhängiger Seite geprüft. Eine professionelle Due Diligence ist im Pferdesport genauso unverzichtbar wie in jeder anderen Branche.
Minderheitsbeteiligung heißt Minderheitsrechte. Wer nicht die Mehrheit hält, sollte sich Informations-, Kontroll- und Mitspracherechte sowie klar geregelte Exit-Szenarien vertraglich sichern – bevor unterschrieben wird, nicht erst, wenn der Streit da ist. Die Ondernemingskamer hat Onassis genau daran erinnert: Ihr stehen die Rechte einer Minderheitsgesellschafterin zu – aber eben nicht mehr.
Person und Unternehmen trennen. Charisma, sportliche Erfolge und ein großer Name sind keine Bilanzkennzahlen. Der richtige Partner für ein großes Investment ist nicht zwingend der bekannteste, sondern derjenige, der Transparenz lebt, professionelle Strukturen vorweisen kann und bereit ist, sich vertraglich in die Karten schauen zu lassen.
Den Konfliktfall mitdenken. Mediationsklauseln, Bewertungsmechanismen für Anteile und definierte Ausstiegswege kosten in der Verhandlung Überwindung – im Ernstfall aber sparen sie Jahre vor Gericht und Millionen an Kosten.
Die Lehre daraus
Der Rechtsstreit zwischen Athina Onassis und Jan Tops ist juristisch noch nicht am Ende. Der nächste Gerichtstermin steht fest, die Mediation läuft. Wie auch immer er ausgeht: Für den Pferdesport ist er ein Weckruf. Eine Branche, die zunehmend Kapital in dieser Größenordnung anzieht, braucht auch die Professionalität, die dieses Kapital verdient: klare Verträge, echte Transparenz und Strukturen, die Vertrauen nicht ersetzen, aber absichern. Denn Vertrauen ist nicht nur im Pferdesport das wertvollste Gut. Es sollte nur nie die einzige Sicherheit sein. Oder, wie es ein altes Sprichwort auf den Punkt bringt: Trau, schau, wem. Das gilt im Pferdesport für jede Partnerschaft, auf beiden Seiten des Vertrags.
Weiterführende Links:
>> Neues Pferd für Athina Onassis aus der Zucht von Jan Tops
>> Des einen Freud, des anderen Leid: Athina Onassis hat in Alberto Zorzi neuen Reiter für Cornetto K
>> Neuer Teilhaber für Global Champions Tour
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