Jewel’s Goldstrike: Das WM-Pferd für 20 Dollar
Dressur – Ob Olympische Spiele, Weltcup-Finale oder Weltmeisterschaft: Julio Mendoza Loor (ECU) fällt bei den großen Championaten durch seine ansteckende Freude am Reiten und der tiefen Dankbarkeit gegenüber seinem Pferd auf. Jewel’s Goldstrike kaufte er sechsjährig für gerade einmal 20 Dollar. Danach nahm er sich zwei Jahre Zeit, um herauszufinden, was der Wallach wirklich braucht. Heute lebt „Goldie“ rund um die Uhr auf der Weide – und wird selbst bei der WM in Aachen stündlich zum Grasen ausgeführt. Ein außergewöhnlicher Aufwand, der sich bezahlt macht.
Im Grand Prix am Dienstag (11. August) gelang Julio Mendoza Loor und Jewel’s Goldstrike eine harmonische Runde, die mit 71,304 Prozent bewertet wurde. Nach dem ersten Teil des Bewerbs bedeutete das einen Platz unter den besten zehn.
Der 15-jährige Wallach präsentierte sich bis zum letzten Tritt hoch motiviert. Vielleicht sogar ein wenig zu motiviert: In den abschließenden Passage-Tritten mischten sich einige Galoppsprünge unter die Lektion. Julio Mendoza nahm den Fehler anschließend sofort auf seine Kappe: „Da habe ich einfach zu viel riskiert.“
Viele kennen den gebürtigen Ecuadorianer für seine überschwängliche Freude nach einem gelungenen Ritt. Doch nur wenige wissen, wie tief dieses Glück tatsächlich reicht. Denn Julio Dankbarkeit ist keine Show – sie ist das Ergebnis einer außergewöhnlichen Geschichte.


Zwei Jahre, um einander zu verstehen
Jewel’s Goldstrike gehörte ursprünglich einem Freund und galt als freches Pferd. Als Julio Mendoza ihn übernahm, war der Wallach sechs Jahre alt. Der Kaufpreis: gerade einmal 20 Dollar. Von Championaten, Weltcup-Finals oder gar Olympischen Spielen war damals keine Rede. Julio wollte zunächst nur eine Freundschaft aufbauen und dem Pferd in seinem Stall nahe Tryon (USA) ein gutes Zuhause schenken.
„Wir haben ihn erst einmal rund um die Uhr hinausgestellt. Er braucht es, viel draußen zu sein“, erzählte Julio Mendoza. „Seine Art war nie bösartig, sondern immer spielerisch. Wir haben ihn mit Zuchtstuten, mit Wallachen und mit jungen Pferden zusammengestellt – einfach, um herauszufinden, was er am liebsten mag.“
Zwei Jahre lang dauerte diese Phase. Julio beobachtete, probierte aus und lernte – nicht nur, welche Gesellschaft Goldstrike bevorzugt, sondern auch, was er am liebsten frisst und welche Form der Haltung ihm guttut. Unterstützt wurde er dabei von seinem Tierarzt José Naranjo.
„Nach dieser Zeit waren wir Freunde und hatten eine Partnerschaft aufgebaut. Heute ist er ein Golden Retriever und mein bester Freund. Er besitzt eine unglaubliche Motivation. Goldie will jeden Tag arbeiten.“
Für Mendoza ist genau diese Freude die Grundvoraussetzung für jede sportliche Zukunft. Erst wenn das Pferd körperlich und mental bereit ist, darf der Sport folgen.

Stündlich 20 Minuten grasen
Goldies bewegungsintensive Routine auch während eines Championats aufrechtzuerhalten, verlangt seinem gesamten Team viel ab. In Aachen wird der Wallach stündlich für etwa 20 Minuten zum Grasen ausgeführt.
Für Mendoza ist dieser Aufwand selbstverständlich: „Wenn er das braucht, um in der Arena seine Leistung zu bringen, dann machen wir das. Es ist meine Aufgabe, ihn glücklich zu machen.“
Das Wohl seines Pferdes steht für ihn über sportlichen Erfolgen und finanziellen Interessen. Ein Verkauf kommt nicht infrage – unabhängig davon, welche Summe geboten würde.
„Goldie ist für mich nicht nur ein Pferd. Goldie ist Familie, und kein Geld der Welt kann ihn kaufen. Er hat mir mein Leben und meine Karriere gegeben. Warum sollte ich ihn verkaufen? Ich werde ihn immer für das lieben, was er mir geschenkt hat.“
„Wir vergessen manchmal, was es dafür braucht“
Mendoza und Jewel’s Goldstrike haben inzwischen die größten Bühnen des Dressursports erreicht. Hinter den Bildern ausgelassener Freude stehen jedoch jahrelange Geduld, genaue Beobachtung und ein tiefes Verantwortungsgefühl.
„Wir wollen Champions in der Arena sein, aber wir vergessen manchmal, was es dafür braucht“, sagt Mendoza. „Das Pferd gesund und fit zu halten, es auf einen anderen Kontinent zu transportieren, all die Menschen dahinter – besonders während Qualifikationen wie jener für diese Weltmeisterschaft vergessen wir manchmal, dankbar zu sein.“
Julio Mendoza Loor hat diese Dankbarkeit nie vergessen. Vielleicht ist es gerade deshalb so berührend, ihm und seinem Goldie zuzusehen: weil bei ihnen nicht der sportliche Erfolg am Anfang der Geschichte stand, sondern der Versuch, einander zu verstehen. Aus einem vermeintlich frechen 20-Dollar-Pferd wurde so nicht nur ein WM-Partner – sondern ein Familienmitglied.
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