Von Freud und Leid im Pferdesport
Pferdesport – Es mag eine gewagte These sein – und doch kommt man um sie kaum herum: Wohl nirgendwo ist mentales Training so wichtig wie im Pferdesport. Anders als in vielen anderen Sportarten hängt der Erfolg hier schließlich nicht allein von der eigenen Leistung ab. Der Pferdesport ist ein Sport für mindestens zwei und der Sportpartner Pferd soll dabei nicht nur auf unserer Seite, sondern vor allem gesund und fit sein – ganz gleich, ob es um sportlichen Ehrgeiz oder die reine Freude an der gemeinsamen Zeit im Sattel geht.
Ein (sportpsychologischer) Blick auf den Pferdesport von Johanna Constantini
Gerade die Gesundheit des Pferdes ist dabei ein großer Unsicherheitsfaktor, der Emotionen schnell hochkochen lässt. Gefühle, die es als Reiter:in im Zaum zu halten gilt. Wer Pferdesport betreibt, kennt sie: die verletzungsbedingten Pausen und Ausfälle der eigenen Pferde. Ein kleiner Trost vorweg: Es geht allen so. Doch wenn die wichtige Meisterschaft ausfällt oder der lang geplante Ausritt nicht stattfinden kann, reicht dieser Trost oft nicht aus. Dass diese Reaktionen alles andere als übertrieben sind, zeigt auch eine Studie von Davies und Loyer (2023): Die befragten Spitzenreiter:innen beschrieben die Verletzung ihres Pferdes als Auslöser von Bestürzung, Frustration, Verleugnung und Schuldgefühlen – begleitet von einem tiefen Gefühl des Verlusts, das bei manchen sogar die eigene sportliche Identität ins Wanken brachte. Auffällig dabei: Ausnahmslos alle Befragten (es handelte sich durchwegs um Athlet:innen im Spitzensport) beschrieben ein starkes Pflichtgefühl gegenüber ihrem Pferd.
Gelassenheit als Grundhaltung
Der Pferdesport verlangt uns nicht zuletzt durch die Verbindung zu den Pferden also ein hohes Maß an Gelassenheit ab. Er fordert von uns als Sportler:innen die Fähigkeit, uns flexibel auf veränderte Umstände einzustellen, alles zu geben und uns zugleich auf jede Eventualität vorzubereiten, die aus der Verletzlichkeit unserer Pferde entstehen kann. Und er verlangt, sich möglichst wertfrei immer wieder aufs Neue auf steinige Wege einzulassen – und dabei das Beste zu hoffen.
Dabei gilt es nicht nur, auf sich selbst zu achten und die eigene körperliche und geistige Verfassung im Blick zu behalten. Es gilt vor allem, die Pferde bestmöglich zu begleiten. Freude und Enttäuschung liegen dabei nah beieinander – nicht zuletzt, weil sich die Fitness der Pferde häufig unserer Kontrolle entzieht. Eine Sehne ist schnell angerissen, die gefürchtete Kolik trifft auch jene Vierbeiner, die Zeit ihres Lebens nie Probleme damit hatten. Himmelhoch jauchzende und zutiefst
betrübte Phasen wechseln sich mitunter im Eiltempo ab.
Kontrolle abgeben – und trotzdem motiviert bleiben
Genau dieser Verlust an Kontrolle, das Ausgeliefertsein und die Tatsache, dass sich nicht alle Umstände regeln lassen, machen den Pferdesport zu einer großen mentalen Herausforderung. Sich immer wieder aufs Neue zu motivieren, Rückschläge in Kauf zu nehmen und mitanzusehen, wie Sportkolleg:innen vermeintlich links und rechts an einem vorbeigaloppieren – all das verlangt
psychisch einiges ab.
Und doch lohnt es sich, sich gerade in solchen Momenten die eigentliche Motivation für den Pferdesport in Erinnerung zu rufen: die wertvolle Lebenszeit an der Seite dieser majestätischen Tiere, die jede Sekunde wert ist. Die Freudenmomente, wenn sich Teamwork abzeichnet. Und die Erfüllung, wenn das Pferd mehr als nur ein Tier wird – Partner, Freund und Wegbegleiter, in jedem Bereich des Pferdesports.

Drei mentale Trainingsimpulse für den Alltag im und abseits vom Sattel
Die gute Nachricht: Der Umgang mit all diesen Unwägbarkeiten lässt sich trainieren, genau wie eine Lektion im Sattel, an der Longe oder den Leinen. Nachfolgend drei mentale Strategien, die sich im Praxisalltag bewährt haben.
Emotionen benennen, statt sie zu unterdrücken
Wenn der Anruf vom Stall kommt oder die Tierärztin ratlos den Kopf schüttelt, schnellen Puls und Anspannung nach oben. Das ist erstmal eine normale körperliche Reaktion, keine Schwäche. Statt die Emotion wegzudrücken, hilft es, sie kurz laut oder innerlich zu benennen: „Ich bin gerade in Sorge“, „Ich bin wütend, dass das jetzt passiert.“ Dieses bewusste Einordnen – in der Psychologie auch als Affektbenennung bekannt – beruhigt nachweislich das Nervensystem. Kombiniert mit einer einfachen Atemübung, etwa vier Sekunden einatmen, vier Sekunden halten, vier Sekunden ausatmen, vier Sekunden halten, lässt sich die erste Welle der Anspannung so weit abbauen, dass anschließend wieder ein wenig klarer gedacht und entschieden werden kann.
Prozessziele statt Ergebnisziele setzen
Ein Turniersieg oder eine bestimmte Platzierung hängen von vielen Faktoren ab, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. Nicht zuletzt von der Tagesverfassung des Pferdes. Wirkungsvoller als sich auf einzelne Ergebnisse zu konzentrieren ist es, sich vor einem Start oder einer Trainingsphase zwei bis drei Prozessziele zu setzen: Dinge, die tatsächlich in der eigenen Hand liegen, etwa „ich reite mein Warm-up- Ritual konzentriert durch“ oder „ich atme vor jedem Sprung bewusst aus“ oder „ich konzentriere mich während der Reitstunde darauf meinen Blick stets zwischen den Pferdeohren zu halten.“ Wer den Erfolg an solchen steuerbaren Kriterien misst,
bleibt auch dann handlungsfähig und motiviert, wenn das Ergebnis am Ende nicht wie erhofft ausfällt.
Flexible Ziele statt starrer Pläne
Weil sich Pferdegesundheit nicht planen lässt, lohnt es sich, große Ziele von vornherein mit einem gleichwertigen Plan B zu versehen – nicht als Notlösung, sondern als echte Alternative. Eine bewährte Technik dafür sind Wenn-Dann-Pläne: „Wenn mein Pferd verletzungsbedingt ausfällt, dann konzentriere ich mich in dieser Zeit auf meine eigene Fitness, auf Bodenarbeit oder auf das Reiten eines anderen Pferdes.“ Wird ein solcher Plan schon im Vorfeld gedanklich durchgespielt, verliert ein Rückschlag einen Teil seines Schreckens. Aus einem erzwungenen Umweg kann damit ein bewusst gewählter neuer Weg werden.
Wie die 10.000 Reitstunden – Übung, Übung, Übung
All diese Techniken gilt es langfristig zu üben ohne zu erwarten, dass der Ärger dadurch vollständig verschwindet. Und im Wissen, dass ihre Umsetzung im Alltag mit den Pferden mal besser, mal schlechter gelingen wird. Weshalb? Weil Pferdesportler:innen am Ende auch nur Menschen sind – wenn auch solche mit besonders viel Herzblut, Leidenschaft und Durchhaltevermögen.
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Über die Autorin
Johanna Constantini, PhD, ist Klinische, Arbeits- und Sportpsychologin sowie Familien-, Jugend- und Kinderpsychologin in freier Praxis. In der Sportpsychologie liegt ihr Schwerpunkt auf dem Pferdesport – als aktive Springreiterin bis in die hohe Klasse bringt sie eigene Erfahrung aus dem Sattel mit, die sie in Hinblick auf sportpsychologische Themen im Zuge von Workshops und Vorträgen teilt.
Zunehmend bezieht sie Pferde auch in die Arbeit mit ihren Klient:innen ein und widmet sich Themen aus dem Pferdesport regelmäßig in Kolumnen und Gastbeiträgen.

Quellen:
Studie: Davies & Loyer (2023): The Psychological Responses of Elite Equestrian
Athletes to Their Horses‘ Injuries. Hartpury University – Publikationseintrag
Weiterführende Links:
>> Wenn Angst mitreitet: Wie Ausbilder:innen richtig reagieren
>> „Tief“ im Sattel – 5 Tipps gegen negative Phasen im Pferdesport!
>> Burnout im Sattel? Symptome und Strategien zur Vorsorge
Dieser Text wurde von EQUESTRIAN WORLDWIDE – EQWO.net verfasst und ist keine Pressemitteilung. Das Kopieren des Text- und Bildmaterials ist nicht gestattet.