Wenn Angst mitreitet: Wie Ausbilder:innen richtig reagieren
Angst im Reitunterricht ist kein Tabuthema – sondern eine reale Herausforderung für Reiter:innen und Trainer:innen. Gemeinsam mit der Sportpsychologin und Klinischen Psychologin Johanna Constantini bietet der Österreichische Pferdesportverband OEPS zwei Fortbildungen zum professionellen Umgang mit Ängsten im Pferdesport an.
Am 31. Jänner im Equestrian Center Austria in Gerasdorf (NÖ) und am 6. Februar 2026 im Tiroler Pferdesportverband in Innsbruck (T), können sich österreichische Ausbilder:innen im Pferdesport mit der Klinischen- und Sportpsychologin Johanna Constantini über den professionellem Umgang mit Angst im Reitunterricht austauschen. Im EQWO.net-Interview erklärt Constantini, die sich als ambitionierte Amateurreiterin bezeichnet und selbst bis zur Schweren Klasse geritten ist, wie rationale und irrationale Ängste entstehen – und wie Reiter:innen und Ausbilder:innen konstruktiv und fachlich fundiert damit umgehen können.
Interview mit Johanna Constantini
EQWO.net: Johanna, mit welchen Formen von Angst haben wir es im Reitsport typischerweise zu tun?
Johanna Constantini: Im Pferdesport sehen wir sowohl körperbezogene als auch soziale Ängste: Ängste vor Stürzen, vor Geschwindigkeit, vor schnelleren Gangarten oder vor einem grundsätzlichen Kontrollverlust am Pferd. Gleichzeitig spielen soziale Ängste eine große Rolle – etwa die Angst vor Bewertungen durch Publikum, durch Social Media, im Trainingsteam oder unter Reitkolleg:innen. Beide Formen treten häufig auf und sind immer sehr individuell in ihrer Entstehung. Deshalb ist es wichtig, auch individuell nach den Ursachen zu suchen und nichts zu pauschalisieren.

EQWO.net: Was ist die Grundlage von Angst? Wie entsteht sie körperlich und mental?
Johanna Constantini: Angst ist etwas völlig wertfreies und natürliches. Sie ist eine wichtige Reaktion von Körper und Psyche, um auf potenzielle Gefahren reagieren zu können. Angst versetzt uns in einen Alarmzustand, der uns schützen soll. Adrenalin wird ausgeschüttet, Cortisol als Stresshormon freigesetzt, der Sympathikus aktiviert – wir kommen in einen Kampf-oder-Flucht-Modus. Dieser ermöglicht schnelle Reaktionen, führt aber auch dazu, dass Entscheidungsfähigkeit und Konzentration eingeschränkt werden. Viele sprechen in solchen Situationen von einer Blockade, die man körperlich und mental deutlich spürt.
EQWO.net: Was sind typische Auslöser für Angst im Pferdesport und wie unterscheidet man rationale von irrationaler Angst?
Johanna Constantini: Irrationale Angst ist sehr häufig zukunftsbezogen. Ein Beispiel: die starke Angst vor der Bewertung auf einem Turnier oder davor, wer an der Bande steht und zusieht. Das ist etwas, das noch nicht gegenwärtig ist, aber das Gedankenkarussell beginnt bereits und versetzt den Körper in Alarm. Das kann lähmen und dazu führen, dass Leistung nicht abgerufen werden kann, weil man sich gedanklich schon in einem möglichen Negativszenario befindet.
Rationale, lebensschützende Angst hingegen ist sehr gegenwärtig. Sie tritt auch im Pferdesport auf – etwa, wenn ein Pferd erschrickt. Je nachdem, wie grundlegend jemand ängstlich ist und welche Vorerfahrungen passiert sind, kann dieses Gefühl stärker oder schwächer ausfallen. Angst hat eine Schutzfunktion, auch wenn die Situation objektiv vielleicht nicht sehr gefährlich ist.
EQWO.net: Deine Seminare richten sich speziell an Ausbilder:innen. Woran erkennen Trainer:innen Angst bei ihren Schüler:innen?
Johanna Constantini: Das ist oft gar nicht so leicht, weil Ausbilder:innen dafür meist nicht geschult sind und Ängste häufig verschleiert werden. Manche Reitschüler:innen ziehen sich zurück und sprechen weniger, andere werden sehr aktiv und kompensieren ihre Unsicherheit durch viele Fragen. Diese Reaktionen hängen mit der Kampf-oder-Flucht-Reaktion zusammen, in die Menschen unter Angst geraten. Wichtig ist, diese Möglichkeiten mitzudenken und überhaupt in Betracht zu ziehen, dass Angst vorhanden sein könnte. Das zeigt sich häufig durch Leistungsabfall oder dadurch, dass Ausreden gefunden werden – etwa warum man nicht in eine Prüfung reiten möchte, im Freizeitbereich keine Gangart wechseln will oder warum das Pferd „sich nicht fit anfühlt“.

© Shutterstock | Fotokostic
EQWO.net: Gibt es Personengruppen, die häufiger Ängste entwickeln, etwa Erwachsene, die später mit dem Reiten begonnen haben?
Johanna Constantini: Da ist schon etwas dran an dem Sprichwort, dass es dem „Hänschen“ leichter fällt. Im Kindesalter erlebt man Bewegungen oft mit mehr Leichtigkeit und lernt Bewegungsabläufe einfacher. Als Erwachsene denken wir rationaler über Risiken und Konsequenzen nach: Was ist, wenn ich mich verletze? Kinder tun das deutlich weniger. Trotzdem treten Ängste in allen Altersgruppen auf.
EQWO.net: Angst überträgt sich im Reitsport oft auch auf das Pferd. Wie kann man sich selbst regulieren, um das zu vermeiden?
Johanna Constantini: Es gibt aus der Sportpsychologie viele Übungen, die allerdings trainiert werden müssen, um in Akutsituationen zu wirken. Atmung ist ein sehr wirksames Mittel, wenn man sich bewusst und intensiv darauf konzentriert. In den Fortbildungen gehen wir darauf ein, was Reitschüler:innen präventiv mitgegeben werden kann, wenn sie merken, dass sie in Situationen kommen, in denen Angst schnell auftritt. So kann man die körperliche Reaktion ein Stück weit „austricksen“. Dazu kommt das Selbstgespräch – wie spreche ich mir selbst Mut zu? Auch Tempo und Schwierigkeitsgrad von Lektionen und Übungen müssen oft angepasst werden. Ohne Offenheit gegenüber dem Ausbilder funktioniert das nicht. Rituale können viel Sicherheit geben, genauso wie Körperübungen: die Fersen in den Bügeln spüren, die Zehenspitzen wahrnehmen, Fäuste ballen, Spannung lösen. Auch das Streicheln des Pferdes am Mähnenkamm kann helfen – oft beiden, denn es gibt auch ängstliche Pferde.
EQWO.net: Welche Fehler sollten Ausbilder:innen im Umgang mit Angst vermeiden?
Johanna Constantini: Besonders schädlich sind Vergleiche – etwa zu sagen, dass andere das doch auch schaffen. Auch Bagatellisieren („Das ist doch nicht zum Fürchten“) oder übermäßiger Druck, sich zusammenreißen zu müssen, wirken negativ. Ebenso Überforderung: Viele Ängste entstehen, wenn zu früh zu viel verlangt wird und ein gefühlter Kontrollverlust entsteht, der mit starken Ängsten einhergeht.
EQWO.net: Wie können Ausbilder:innen bei Lampenfieber auf Turnieren unterstützen?
Johanna Constantini: Da möchte ich nicht zu viel vorwegnehmen, weil das ein zentraler Teil der Fortbildung ist. Grundsätzlich ist es aber sinnvoll, Trainingsbedingungen an den Wettkampf anzupassen. Viele sind „Trainingweltmeister:innen“, rufen ihre Leistung zu Hause ab – und auf Turnieren ist dann alles anders. Musik, Zuschauer, Atmosphäre, auch für Stimmung der Pferde ist oft verändert. Es kann helfen, diese Elemente schon ins Training einzubauen: Musik laufen lassen, Menschen in die Halle holen oder kleine Veränderungen schaffen, die dem Turniergeschehen ähneln.
EQWO.net: Möchtest du abschließend noch etwas betonen?
Johanna Constantini: Die Konfrontation mit Social Media ist im Reitsport extrem. Dort sieht man viele Menschen mit vielen Pferden, vielen Möglichkeiten und dem scheinbar perfekten Reiterleben. Wenn man selbst mit Angst oder Unsicherheit zu tun hat, können solche Darstellungen dieses Gefühl verstärken und dazu führen, dass man sich noch stärker unter Druck setzt.
EQWO.net: Vielen herzlichen Dank für das Gespräch und die Expertise!
Zur Anmeldung
Aktuell ist die Fortbildung „Mit Angst im Reitunterricht professionell umgehen, Fortbildung Kategorie C“ in Gerasdorf bei Wien (NÖ) bereits ausgebucht, für die Veranstaltung im Tiroler Pferdesportverband in Innsbruck (T) sind noch Plätze frei.
>> Hier geht es zur Anmeldung „Mit Angst im Reitunterricht professionell umgehen, Fortbildung Kategorie C“, 6.2.2026 Innsbruck (T)
Weiterführende Links:
>> Fortbildung Wien, 31.1.2026 – AUSGEBUCHT
>> Fortbildung Innsbruck, 6.2.2026 – NOCH PLÄTZE FREI
>> OEPS Ausbildungskalender 2026
Dieser Text wurde von EQUESTRIAN WORLDWIDE – EQWO.net verfasst und ist keine Pressemitteilung. Das Kopieren des Text- und Bildmaterials ist nicht gestattet.