Spanische Hofreitschule: Vorwürfe & Skandale – ein Faktencheck

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Spanische Hofreitschule: Vorwürfe & Skandale – ein Faktencheck

Spanische Hofreitschule – „Die Pferde haben nicht genug Auslauf, ihre Gesundheit lässt zu wünschen übrig und der Aufsichtsrat-Vorsitzende hat seinen Lipizzaner gratis in Beritt.“ Diese und andere Vorwürfe rund um die Spanische Hofreitschule in Wien wurden in den vergangenen Tagen öffentlich diskutiert – unter anderem von ehemaligen Mitarbeitern. Jetzt ist die Diskussion bereits im Parlament angekommen. Wir haben alle Anschuldigungen sowie den Rechnungshof-Bericht für Euch zusammengefasst und nachgefragt.

Die Bereiter und Schulhengste der Spanischen Hofreitschule in Wien hatten coronabedingt einige Monate Pause. Trainiert wurde natürlich trotzdem! © SRS/ Rene van Bakel
Die spanische Hofreitschule in Wien muss sich aktuell einigen Anschuldigungen stellen. © SRS/ Rene van Bakel

Alles begann mit einem 106-seitigen Rechnungshof-Bericht von 29.10., der als Aufmacher besagte: „Lipizzaner in Wien in der Stallburg haben zu wenig Bewegung. Empfehlung: Haltungsbedingungen verbessern.“ 

Zusätzlich wurde der Mangel an Reitbahnpersonal im Vergleich zu dem Anstieg an Angestellten in anderen Bereichen und der „Entmündigung“ der Bereiter:innen angemerkt. Daraufhin haben sich bei Wien Heute (ORF) oder Propferd.at Ex-Mitarbeiter wie die ehemaligen Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule, Klaus Kriszch oder Johann Riegler gemeldet und die Vorwürfe teils bestätigt, teils entkräftet.

Klaus Kriszch sprach von einem „aufgeblähten Apparat“ mit 200 Angestellten und dafür immer weniger Bereiter:innen, Johann Riegler sieht gerade die Vorwürfe in Bezug auf den Bewegungsmangel als unwahr an: „Man kann ein Pferd eben nicht nach Uhr arbeiten – einmal brauche ich etwas länger, ein andermal geht’s schneller. Wenn ein Bereiter seine Pferde korrekt arbeitet und ausbildet, spürt er ganz genau, was ein Pferd gerade braucht.“ Beide ehemaligen Oberbereiter kritisieren die Umstellungen unter der Führung der Ex-Geschäftsführerin Elisabeth Gürtler.

Der Skandal rund um den Aufsichtsrat-Vorsitzenden Johann Marihart entzürnt Klaus Kriszch jedoch ebenso: „Es kann nicht sein, dass das Pferd in der Dienstzeit der Schule von einem Bereiter ausgebildet wird. Ein Privatpferd! Das ist ja schrecklich. So etwas hat es noch nie gegeben.“

Wir haben die Hauptpunkte der Kritik für Euch zusammengefasst und genauer hinterfragt.

Die berühmte Schulquadrille der Spanischen Hofreitschule. © SRS | René van Bakel
Die berühmte Schulquadrille der Spanischen Hofreitschule. Durch zu viele Vorführungen sind in den letzten Jahren immer mehr Pferde verletzungsbedingt ausgefallen. © SRS | René van Bakel

Das sind die Vorwürfe:

Die Lipizzaner bekämen in der Stallburg zu wenig Bewegung.
Wie auch Johann Riegler, können unsere anonymen Quellen diesen Vorwurf nicht bestätigen. Sie erzählten im EQWO.net-Gespräch, wie es zu der Annahme kam, dass die Pferde nicht ausreichend Bewegung bekommen: einer der Hengst hatte aufgrund einer Verletzung Schrittpause und ging daher täglich in der Schrittmaschine. Da dies alle Mitarbeiter:innen wussten, stand der Hengst nicht auf dem Schrittmaschinen-Plan. Für die Rechnungshof-Prüfer, die hauptsächlich nach den Unterlagen prüfen, sah es also so aus, als würde der Hengst die Box nicht verlassen.

Zusätzlich verwirrt der tägliche Dienstplan. Die Reiteinheiten der Lipizzaner-Hengste in der Reithalle sind extrem knapp getaktet. Am Vormittag müssen in nur wenigen Stunden alle Pferde bewegt werden. Dass das in der Praxis bei rund 70 Pferden kaum zu schaffen ist, wird sich jeder Pferdemensch denken können. Die 13 Bereiter:innen und vier Anwärter:innen sind jeweils für mehrere Hengste verantwortlich und achten selbstständig darauf, dass diesen auch ausreichend Zeit gewidmet wird. Daher wird oft in der Früh ausgeritten und dann zusätzlich trainiert, oder mit zwei Pferde parallel an der Hand geübt. Weiters kommen die Hengste in die Schrittmaschine, nur Montags sei Stehtag.

Grundsätzlich wechseln die Hengste alle paar Wochen zwischen der Stallburg am Michaelerplatz und dem Zentrum am Heldenberg, wo auch Paddocks und Koppeln zur Verfügung stehen, wie sie in der Wiener Innenstadt leider nur in kleinem Ausmaß vorhanden sind.

Quelle: Instagram/spanischehofreitschule

Die Lipizzaner seien oft krank.
Dies scheint der Wahrheit zu entsprechen. Als verantwortlich dafür, benennen Interne die zahlreichen Vorführungen. Allerdings: es wurde schon viel besser. Unter der neuen Geschäftsführerin Sonja Klima wurden etliche Vorführungen gestrichen, außerdem ist laut unseren Quellen mehr Geld für tierärztliche Unterstützung oder chiropraktische Behandlungen da.

Dennoch: die Corona-Pandemie und die darauffolgende Show-Pause war für die Pferde ein echter Segen, hören wir aus den Reihen der Spanischen Hofreitschule. Die Anzahl der Vorführungen und das dafür benötigte Training ist sicherlich, wie vom Rechnungshof empfohlen, dringend zu überarbeiten:

„Die wirtschaftliche Lage der Gesellschaft (Anmk: Spanische Hofreitschule) erforderte mehr Vorführungen je Jahr und Vorführungen, die möglichst alle Programmpunkte enthielten. Da aber die Anzahl der für Vorführungen geeigneten Pferde im überprüften Zeitraum nahezu unverändert blieb, bekamen Hengste vereinzelt nicht die entsprechende Zeit für eine Rekonvaleszenz bzw. wurden – obwohl ihre körperliche Konstitution dies gemäß den Tierschutzbestimmungen und der österreichischen Turnierordnung nicht erlaubte – zu früh wieder trainiert und in Vorführungen eingesetzt. Dies führte neben anderen Faktoren (z.B. geänderte Zucht– und Ausbildungsmethoden) dazu, dass Hengste krankheitsbedingt früher nicht mehr eingesetzt werden konnten. Daher stieg die Anzahl der Hengste, die nicht mehr für Vorführungen eingesetzt werden konnten, im überprüften Zeitraum von neun auf 20.“

Der Aufsichtsrat-Vorsitzende habe sein Pferd jahrelang gratis ausbilden lassen.
Die politisch heikelste Anschuldigung betrifft den Vorsitzenden des Aufsichtsrates Johann Marihart: er erwarb 2013 für seine Tochter einen Lipizzaner-Hengst und lies ihn die letzten Jahren vermeintlich gratis ausbilden. An sich müsste ersteres schon der größte Aufreger sein, denn laut Statuten dürfen nur Bereiter:innen der spanischen Hofreitschule die heiligen Lipizzaner reiten – dennoch kam es zu diesem Privat-Verkauf.

In den vergangenen Jahren wurde der besagte Hengst dann von den Bereiter:innen der Spanischen Hofreitschule ausgebildet. Beritt-Kosten wurden keine übernommen, auch für Tierarzt und Hufschmied wurde nicht bezahlt, wie der Rechnungshof belegt. Die Steuerzahler seien laut ORF um 700.000 € betrogen worden.

Allerdings muss man dabei beachten: der Aufsichtsrat-Vorsitzende zahlt laut mehreren Quellen eine stattliche Einstellgebühr von 1200€ im Monat und: der Hengst wurde und wird bei einem Großteil der Vorführungen eingesetzt und ebenso wie alle anderen Pferde der Hofreitschule behandelt. Die jährlichen Ritte der Besitzerin auf ihrem Hengst könne man an einer Hand abzählen.

Ausblick – Was passiert jetzt?

Politische Konsequenzen
Erst heute veröffentlichten die NEOS ihre Forderung des Rücktrittes von Aufsichtsratvorsitzenden Johann Marihart, die SPÖ stellte eine parlamentarische Anfrage im Parlament, mit folgenden Fragen an die verantwortliche Ministerin Elisabeth Köstinger:

1) Haben Sie von den persönlichen Bereicherungen des Herrn Marihart für sich und seine Tochter durch das Einstellen eines Privatpferds in die Hofreitschule ohne angemessene Abgeltung Kenntnis und wenn ja, seit wann?

2)  Wie haben Sie auf diese Kenntnisnahme reagiert und was waren die Konsequenzen?

3)  Haben Sie von der aufgezeigten Vorgangsweise des Hern Marihart schon vor längerem erfahren und womöglich dieses Verhalten ausdrücklich oder stillschweigend gebilligt und wenn ja, wann und warum?

4)  Welche Maßnahmen werden Sie setzen um den durch das Verhalten von Marihart der SRS entstandenen Schaden auszugleichen und wenn keine, warum?

5)  Sind Ihnen Verhalten und/oder/auch Umstände bekannt, welche auf ein korruptes Agieren von Herrn Marihart als Vertrteter der AGRANA zur eigenen Bereicherung schließen lassen und wenn ja, was gedenken Sie in dem Zusammenhang zu tun?

Unsere Meinung
Die spanische Hofreitschule ist die älteste Reitschule und die einzige Institution der Welt, an der die klassische Reitkunst in der Renaissancetradition der „Hohen Schule“ seit mehr als 450 Jahren lebt und unverändert weiter gepflegt wird – weswegen sie auch zum immateriellen UNESCO Kulturerbe der Menschheit zählt. Sie gehört zu unserer Kultur und ist eine aufrecht zu erhaltende Instituation. Allerdings, und das ist ein großes aber: muss auf die Bedürfnisse der Hengste eingegangen werden und das bedeutet: weniger politische & wirtschaftliche Entscheidungen, sondern Entscheidungen im Sinne des Tierwohls und der Qualität der Hofreitschule. Denn, wie sagt man so schön: Qualität vor Quantität!

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Weiterführende Links:
>> Website Spanische Hofreitschule
>> Rechnungshofbericht 29.10.21

Dieser Text wurde von EQUESTRIAN WORLDWIDE – EQWO.net verfasst. Das Kopieren des Text- und Bildmaterials ist nicht gestattet.